Warum man sich so ein Auto nicht aussucht – sondern warum es einen findet

Wie alles begann…
25.04.2025
Manche Autos plant man nicht. Man sieht sie, schaut ein bisschen zu lange hin, rechnet kurz halbherzig nach – und weiß im selben Moment schon, dass es eigentlich zu spät ist. So war das mit diesem Audi 100 LS. Gekauft für kleines Geld, der Lack sichtbar müde, hier und da zwei Roststellen, die sich erst nach genauerem Suchen gezeigt haben – und trotzdem war da sofort dieses Gefühl, dass es genau der Richtige ist. Vielleicht gerade deshalb. Komplett, unverbastelt, mit Handbuch und sogar originalem Bordwerkzeug. Und irgendwann, wenn er wieder auf der Straße ist, werde ich gerade einmal sein vierter Halter sein. Das allein erzählt schon eine Geschichte.
Der Audi hat übrigens schon einen Namen bekommen, bevor ich ihn überhaupt gekauft hatte:
Karl-Heinz
Und irgendwie passt das. So nennt man kein Auto, das nur irgendein Projekt ist. So nennt man einen alten Herrn, den man wieder auf die Beine bringen will. Der Plan war von Anfang an gar nicht großspurig: erst alle Flüssigkeiten tauschen, dann den Motor wieder zuverlässig zum Laufen bringen, danach die Blecharbeiten angehen und irgendwann eine Vorprüfung beim TÜV machen. Wenn das alles passt, kann später der Lackierer ran. Projektende? Wahrscheinlich nie. Aber das Ziel ist sowieso ein anderes: Er soll wieder laufen. Und er soll wieder fahren.




Nach der ersten Durchsicht war ich vorsichtig optimistisch. Vieles sah überschaubarer aus, als man es bei einem Auto von 1970 erwarten würde. Die Elektrik funktionierte weitgehend, nur das Abblendlicht machte nicht mit. Der Zündfunke war da. Und plötzlich stand da nicht mehr nur ein alter Audi vor der Garage, sondern eine echte Möglichkeit. Es sind genau diese Momente, in denen man innerlich schon einen Schritt weiter ist als mit den Händen. Da glaubt man zum ersten Mal, dass aus einem Kauf vielleicht wirklich wieder ein Auto werden kann.
Die komplette Restauration ist auf den folgenden Seiten nachzulesen:
Bestandsaufname
Restauration
Lackierung
Wiederaufbau
Zulassung und die ersten Tage
16.08.2026
Das erste Oldtimertreffen
Sonntag, 25 Grad und bewölkt – eigentlich perfektes Wetter für das erste Oldtimertreffen mit Karl-Heinz.
Ursprünglich war Bocholt als Ziel vorgesehen. Dann kam aus der Audi-Gruppe die Nachricht, dass mindestens ein weiterer Audi C1 zum Treffen nach Uedem fahren würde. Also Plan geändert und über die Landstraßen in Richtung Uedem gefahren.
Und Karl-Heinz machte genau das, was er inzwischen machen soll: fahren.
Der Motor schnurrte, das Auto lief völlig unaufgeregt und irgendwann zeigte der Kilometerzähler tatsächlich die 115.000 Kilometer an.
Zumindest kurz.
Danach beschloss der Tacho nämlich mal wieder, dass weiteres Zählen völlig überbewertet wird – und blieb erneut stehen.

In Uedem angekommen, war das eigentliche Oldtimergelände allerdings bereits komplett voll. Wir wurden deshalb auf einen „Ausweichparkplatz“ geschickt.
Der bestand aus einem grob abgemähten Stoppelfeld mit ungefähr 30 Zentimeter langen und ziemlich harten Stoppeln.
Die Entscheidung fiel entsprechend schnell:
Nein.
Da stelle ich Karl-Heinz ganz sicher nicht drauf.
Also wieder spontan umgeplant und doch noch in Richtung Bocholter Aasee aufgebrochen. Aus der ursprünglich geplanten halben Stunde Anreise wurde damit am Ende mehr als eine ganze Stunde.
Karl-Heinz schien damit allerdings keinerlei Problem zu haben. Ganz im Gegenteil.
Am Aasee angekommen, durfte sich der Audi schließlich zwischen jede Menge andere sehenswerte Oldtimer stellen – und wurde dort seinerseits ebenfalls ausgiebig bestaunt.




Es folgten einige interessante Benzingespräche, viele neugierige Blicke und schließlich noch etwas ganz Besonderes:
Karl-Heinz wurde direkt vor Ort live auf Papier gezeichnet.
Eine wirklich faszinierende Arbeit und beeindruckend zu sehen, mit welchem Blick für Perspektive und Details so eine Zeichnung entsteht.






Die Rückfahrt nach Dinslaken verlief ebenfalls problemlos.
Fast jedenfalls.
Offenbar hat Karl-Heinz unterwegs einmal etwas zu kräftig ausgeatmet. Eine bereits angerostete Stelle am Auspufftopf hat nun endgültig aufgegeben, sodass er dort inzwischen recht munter herausbläst.
Also wieder ein Punkt für die Liste.
Und davon gibt es inzwischen natürlich noch ein paar weitere: die Kugelpfanne am Schaltgestänge, das Ausrücklager und vermutlich noch die eine oder andere Kleinigkeit, die sich in den nächsten Wochen bemerkbar machen wird.

Aber genau dafür ist der Winter da.
In Ruhe Teile suchen und besorgen – und wenn die nächste Saison beginnt, wird eben wieder ein bisschen geschraubt.
Bis dahin darf Karl-Heinz jetzt erst einmal genau das tun, wofür die ganze Arbeit der vergangenen Monate gedacht war:
fahren.
20.08.2026
Oder besser gesagt: Gehen wir einmal 55 Jahre zurück – zum 20.08.1971.
Das war der Hochzeitstag meiner Eltern.


(Die Fotos aus dieser Zeit habe ich farblich korrigiert, weil sie inzwischen schon deutlich verblichen waren.)
Als ich Karl-Heinz gekauft habe, war mir überhaupt nicht bewusst, welche zusätzliche Bedeutung dieses Auto einmal bekommen würde.
Erst viele Wochen später wurde mir klar, dass ein Audi 100 C1 in Beige damals das Hochzeitsauto meiner Eltern gewesen ist. Genauer gesagt gehörte dieser Wagen einem Großonkel von mir und war zu jener Zeit noch ein fast neuer Vertreter der Oberklasse.
Und nun steht hier mit Karl-Heinz ebenfalls ein Audi 100 C1 – zwar als Viertürer und in Silber statt als beiger Zweitürer, aber eben doch genau aus dieser Baureihe.
So entstand irgendwann die Idee: Wenn alles klappt, dann möchte ich meine Eltern an ihrem 55. Hochzeitstag mit einem Audi C1 als kleine Erinnerung an diesen besonderen Tag noch einmal ein Stück herumfahren.
Und tatsächlich ist Karl-Heinz rechtzeitig fertig geworden.
Ohne dass ich das Restaurierungsprojekt bewusst auf dieses Datum hin geplant hätte, war es am Ende doch eine ziemlich schöne Fügung.
Also stand Karl-Heinz an diesem Nachmittag – noch ein wenig dekoriert, mit laufendem Motor und eingeschaltetem Warnblinker – vor dem Hotel, in dem meine Eltern für die Nacht eingebucht waren.

Die Freude und auch die Erinnerungen in den Gesichtern meiner Eltern waren sofort deutlich zu sehen.
Und für mich selbst war es ebenfalls ein ganz besonderer Moment.
Genau für solche Augenblicke merkt man dann noch einmal ganz anders, wie viel mehr so ein Auto am Ende sein kann als nur ein Restaurierungsprojekt.

Bevor es allerdings zu diesem Moment kommen konnte, wollte Karl-Heinz vorher noch einmal ein wenig Aufmerksamkeit.
Den kaputten Auspufftopf habe ich deshalb vor der Fahrt noch provisorisch so geflickt, dass er zumindest wieder halbwegs dicht war. Und das machte direkt einen spürbaren Unterschied.
So klang das Ganze auf jeden Fall schon wieder deutlich besser.



to be continued…
28.08.2026
Es ist da.
Das Buch zu Karl-Heinz ist fertig.
Nicht mehr nur als Blog, nicht mehr nur als Fotos auf dem Handy, nicht mehr nur als Erinnerung an viele einzelne Arbeitstage — sondern als richtige Geschichte auf Papier.
Wenn man so durch die Seiten blättert, merkt man erst, wie viel Weg eigentlich hinter einem liegt.
Wie aus einem spontanen „mal schauen“ ein echtes Restaurationsprojekt wurde.
Wie aus Schleifstaub, Rost, Filler, Lack, Rückschlägen, kleinen Erfolgen und sehr vielen Arbeitsstunden am Ende wieder ein Auto geworden ist.
Und genau das liegt jetzt hier vor mir.
Gedruckt. Greifbar. Blätterbar.
Karl-Heinz steht derweil trocken und sicher in seiner Garage.
Aber irgendwie ist er trotzdem hier mit am Tisch.
Vielleicht ist genau das das Schönste an diesem Buch:
Es zeigt nicht nur das Ergebnis.
Es zeigt den ganzen Weg dorthin.
Und auf so einen Moment darf man dann auch mal einen trinken.










